Was sind dissoziative Störungen und wie behandelt man sie?

Genau genommen ist die dissoziative Störung ein Oberbegriff für mehrere psychische Krankheitsbilder, die bei traumatischen Erlebnissen oder starken psychischen Belastungen als Schutzmechnanismus fungiert. Ein emotional unerträgliches Ereignis kann dazu führen, dass sich ganze Erinnerungen oder gar Persönlichkeitsanteile abspalten und somit verdrängt werden – Gedächntnisverlust oder eine Veränderung der Persönlichkeit wären hier ein mögliches Resultat. Aber auch die Sinneswahrnehmung oder die Kontrolle über eigene Körperbewegungen kann gestört werden.

dissoziative Störungen
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Wie bei jedem anderen Krankheitsbild auch, können dissoziative Störungen unterschiedlich stark ausgeprägt sein – von leichten Symptomen bis hin zu schweren Störungen.
Jeder dürfte das Gefühl schon einmal erlebt haben, „im Kopf ganz woanders zu sein“ oder „neben der Spur zu stehen“. Vor allem während routinierten Dingen, wie zum Beispiel beim Auto fahren, schaltet sich der Kopf gerne einmal aus oder driftet ab. Der große Unterschied liegt aber darin, dass Gefühle, Handlungen und Erinnerungen Teil einer Person sind, alles gehört zusammen. Bei dissoziativen Störungen spalten sich diese Teile.

Wie kommt es zu einer dissoziativen Störung?

Auslöser dafür sind traumatische und extreme psychische Belastungen, wie zum Beispiel Krieg, ein Unfall, ein sexueller oder gewalttätiger Übergriff, usw. Man geht davon aus, dass die dissoziative Störung als eine Art Schutzmechanismus fungiert, die besonders schlimme Erlebnisse ausblenden. Natürlich reagiert jeder Mensch anders auf belastende Situationen. Das liegt an der individuellen Persönlichkeit – Der eine hat eine hohe Belastungstoleranz, der andere eine weniger hohe. Deshalb dissoziiert während einer Belastungssituation auch nicht gleich jede Person. So geht man davon aus, dass auch die Umwelteinflüsse mit dissoziativen Störungen in Verbindung stehen. Wenn beispielsweise eine Eltern-Kind-Beziehung gestört ist, ist die Gefahr hoch, dass das Kind Stress gegenüber nicht so widerstandsfähig ist, wie es in einer gesunden Beziehung der Fall wäre.

Negative Erfahrungen hinterlassen aber auch auf biologischer Ebene ihre Spuren. Es ist erwiesen, dass starker Stress die Gehirnstrukturen verändern kann. Das Stresshormon Cortisol schädigt bei zu hoher Dosis den Hippocampus, der eine wesentliche Rolle für unsere Erinnerungen spielt. Auch vermuten Forscher, dass die Neigung zu einer dissoziatoven Störung auch angeboren sein könnte.

Symptome einer dissoziativen Störung

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Bei jedem Patienten äußert sie sich anders, außerdem gibt es verschiedene Formen. Hinzu kommt, dass ein Wechsel der Symptome bei einer dissoziativen Störung charakteristisch ist. Manchen Betroffenen fehlt nur die Erinnerung an etwas bestimmtes, möglicherweise ist es ihnen nicht einmal bewusst. Bei anderen ist es so stark ausgeprägt, dass sie unter einer vollständigen Amnesie leiden und sich nicht einmal mehr an ihr Leben erinnern können.
Bei einer dissoziativen Identitätsstörung wird das „Ich“ in verschiedene Persönlichkeiten gespalten, die ihr Eigenleben haben. Andere leiden unter körperlichen Symptomen, wie zum Beispiel Lähmungserscheinungen.

Die Symptome können auch neurologischen Erkrankungen ähneln, wenn sie während der Bewegungsabläufe auftreten. Daher ist es in manchen Fällen schwierig zu erkennen, ob es sich um eine Dissoziation oder eine körperliche Krankheit handelt. Manche Patienten erleiden an einer kompletten Körperlähmung oder verlieren ihre Stimme. Die gute Nachricht ist, dass in vielen Fällen solche Symptome schnell wieder abklingen.

Die verschiedenen Formen einer dissoziativen Störung

Dissoziative Amnesie

Bei dieser Form der Dissoziation fehlt dem Betroffenen die Erinnerung an bestimmte Ereignisse. Meistens sind es traumatische Erlebnisse, die komplett verdrängt werden.
Dabei geht diese Art von Amnesie weit über die übliche Vergesslichkeit hinaus, weil sie länger anhält und stärkere Auswirkungen hat.

Dissoziative Identitätsstörung

Sie ist auch als multiple Persönlichkeitsstörung bekannt und gehört zur schweren Form dissoziativer Störungen. Der Betroffene erlebt eine Persönlichkeitsspaltung, in der sich mehrere Teile der Persönlichkeit komplett voneinander trennen und ihr Eigenleben führen, ohne von den anderen Anteilen zu wissen. Diese unterschiedlichen Persönlichkeitszustände haben dann eigene Gefühle, Eigenschaften, Bedürfnisse und Erinnerungen.

Dissoziative Fugue

Bei der dissoziativen Fugue (Flucht) verlässt der Erkrankte fluchtartig sein gewohntes Umfeld, wie zum Beispiel den Arbeitsplatz oder die eigene Wohnung. Nach außen hin wirkt er unauffällig und ist auch weiterhin in der Lage, sich selbst zu versorgen. Während des Zustands der Fugue kann sich der Betroffene kaum oder gar nicht mehr an seine Vergangenheit oder Persönlichkeit erinnern. Manchmal kommt es vor, dass die Person eine neue Identität annimmt, die oft geselliger und offener wirkt als die eigentliche Identität.
Der Zustand einer Fugue kann von Stunden bis hin zu mehreren Monaten anhalten.

Dissoziativer Stupor

Während dieses Zustands ist es unmöglich, Kontakt zum Betroffenen aufzunehmen. Sie reagieren nicht auf Ansprache oder Berührungen. Auf Reize wie Licht oder Geräusche folgt keine Reaktion. Dies hat allerdings nichts mit Bewusstlosigkeit zu tun, im Gegenteil – sie können auch eine aufrechte Körperhaltung einnehmen.

Dissoziative Bewegungsstörung

Diese Form ähnelt teilweise einer neurologischen Bewegungsstörung, hat allerdings nichts mit einer organischen Ursache zu tun. Die dissoziative Bewegungsstörung kann zu einem vollständigen Verlust der Bewegungsfähigkeit führen. Eine eingeschränkte Sprechfähigkeit und Koordinationsstörungen bei Bewegungen können auftreten. Desweiteren leiden Betroffene an Verkrampfungen, Zittern und parkinson-ähnlichen Symptomen.

Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörung

Während dieses Zustands können sensorische Empfindungen teilweise oder auch ganz verloren gehen. So können sich bestimmte Körperstellen taub anfühlen, in manchen Fällen betrifft es den ganzen Körper. Auch die Sinne können eine Zeit lang ausfallen. Es kann vorkommen, dass Betroffene nichts mehr riechen, schmecken, sehen oder hören.

Trancezustand

Bei diesem Störungsbild treten vorübergehende Bewusstseinsveränderungen ein, wobei das eigene Identitätsgefühl verloren geht. Der Erkrankte wiederholt immer wieder dieselben Bewegungen oder Wörter, ohne dabei auf äußere Einflüsse zu reagieren.

Besessenheitszustand

Während des dissoziativen Bessesenheitszustands meint der Betroffene die Identität eines Geists oder einer Gottheit anzunehmen und verdrängt dabei die eigene. Dissoziative Bessesenheitszustände werden allerdings nur diagnostiziert, die außerhalb von religiösen und kulturell akzeptierten Situationen auftreten.

Behandlung

Dissoziative Störungen werden durch traumatische Erlebnisse ausgelöst, die der Betroffene nicht alleine bewältigen kann. Daher bleibt die beste Behandlung gegen solche Störungen die Psychotherapie. Falls notwendig, kann auch eine multimodale Behandlung weiter helfen, bei der ein Patient neben der Psychotherapie zusätzlich mit Medikamenten und anderen Therapiemöglichkeiten (Musiktherapie, Kunsttherapie, usw.) unterstützt wird.
Je nach Schweregrad des Traumas und der Stabilität des Betroffenen können die Symptome auch wieder von alleine verschwinden. Sobald es aber den Alltag und die Lebensqualität einschränkt oder erschwert, ist ein Gespräch mit einem Psychotherapeuten empfehlenswert.